To stream or not to stream?

Ein Essay von Ilija Trojanow über das Leben und die Kunst in den Zeiten von SARS-CoV-2.

Erschienen in der Zeitschrift „Die Bühne“ im Mai 2020. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Eine berühmte Zeichnung aus der Zeitschrift The New Yorker zeigt eine desolate, lebensfeindliche Mondlandschaft, im Vordergrund etwas Müll, im Hintergrund karge Hügel. Eine unwirtliche Wüste. Das Wesentliche steht im Titel: „Life Without Mozart“. Klarer kann man es nicht auf den Punkt bringen. Meine erste Sorge nach der Auferlegung heimischer Isolation galt meiner Bibliothek sowie meinem CD-Schrank (in einem früheren Leben eine indische Gewürztruhe mit vielen Schubladen). Verfügte ich über ausreichend stimulierenden Proviant für Herz und Geist für eine längere Aus-Zeit?

Ich stellte fest, dass ich mehr ungelesene als gelesene Bücher, mehr ungehörte als gehörte Opern besaß (Geschenke meist oder selbstlose Rettungsaktionen bei Ramschaktionen). Ähnliches galt auch für meine DVD-Sammlung. Ich überschlug im Kopf, dass ich kulturell eine 33-jährige Quarantäne überstehen könnte. Um ganz sicher zu gehen, lud ich trotzdem Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ als E-Book herunter. An Toilettenpapier dachte ich kein einziges Mal. Wem es daheim gut geht, will sagen, wessen Kinder aus dem Haus sind oder sich selbst beschäftigen können, wer sein Leben mit einem Menschen teilt, mit dem er oder sie ohne Vorwarnung auch 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche auf engstem Raum verbringen kann und dies als neuerliche Beglückung erfährt, und wer zudem ausreichend zu essen und zu trinken hat, der kann sich in einer solchen Lage auf einen umfangreichen Roman einlassen, auf eine komplexe Symphonie (Mahler oder Schostakowitsch etwa) oder eine fünfaktige Oper (wie wäre es etwa mit Les Troyens von Hector Berlioz?). Aber kann die betreffende Person sich auch darauf konzentrieren? Lesen wir trotz der vorherrschenden Ängste oder lauschen wir Klängen, die von der Angst wegführen, in andere Bereiche des existentiellen Taumels? Lesen und hören wir zur Beruhigung und/oder um zu fliehen? Zum Trost oder aus Eskapismus?

Ja und nein. Kommt darauf an. Ich weiß es nicht. Aber ich habe in den letzten Wochen erlebt, dass meine Prioritäten völlig klar waren: lange Telefongespräche mit den Menschen, die mir wichtig sind, und ausgedehnte Stunden der geistig-seelischen Bereicherung. Ein wenig Alltag dazwischen. Warum diese fast ausschließliche Beschäftigung mit „Kultur“ (ein schreckliches Wort, das starr und streng wie ein Grabstein daherkommt)? Wer diese Frage stellt, müsste sich auch fragen, wieso das letzte Konzert der Berliner Philharmoniker am 16. April 1945 (!) im Beethovensaal stattfand und das erste nach dem Kriegsende bereits am 26. Mai 1945 in einem umgebauten Kino in Steglitz? Hatten die Menschen nach sechs Jahren Krieg inmitten von Ruinen, Hunger und Not nichts Wichtigeres zu tun, als Mendelssohn Bartholdy und Tschaikowsky zu lauschen? ­Warum habe ich meine aufgezwungene freie Zeit nicht genutzt, um als Laie so viel wie möglich über das neue Virus zu erfahren? Wieso weiß ich weiterhin zu wenig über die verschiedenen Maskenarten und ihren empfohlenen Einsatz (ganz zu schweigen von ihrer Verfügbarkeit)? Anders gefragt: Sollte ich morgen sterben, was würde ich gerne als letzten Nachhall mitnehmen?

Wie wäre es mit Mozarts Quintett in G-Moll (am Ostersonntag gleich zweimal gehört, einmal mit analytischem Verstand, einmal mit spiritueller Hingabe), vor allem dem Adagio ma non troppo, in dem getrauert wird, ohne zu sehr zu leiden, ein musikalischer Ausdruck eines gut gelebten Lebens auf Grundlage eines kompromisslosen Anspruchs. Um mit Goethe zu sprechen (Sie können es sich auf den Ohren zergehen lassen, in der Vertonung von Franz Liszt oder von Gustav Mahler, was für eine Qual der Wahl): „Alles Vergängliche / Ist nur ein Gleichnis; / Das Unzulängliche, / Hier wird’s Ereignis; / Das Unbeschreibliche, / Hier ist’s getan; / Das Ewig-Weibliche / Zieht uns hinan.“

Kunst gewährt uns eine Ahnung davon, was ein wirklich gutes Leben sein könnte, ein Leben jenseits der Zurichtung als Rädchen in der globalen Maschine von Produktion und Konsumation …

Das ist vielleicht die einzige Antwort, die ich geben kann: Kunst gewährt uns eine Ahnung davon, was ein wirklich gutes Leben sein könnte, ein Leben jenseits der Zurichtung als Rädchen in der globalen Maschine von Produktion und Konsumation, eifrig geölt mit Fügung und Gehorsam. Ein Leben, dessen geheime Sehnsüchte in den von Familienangehörigen verfassten Nekrologen aufscheinen, wo höchst selten steht: „Er besaß ein großes Aktienpaket der Volkswagen AG, das er zum richtigen Zeitpunkt erworben und vor allem abgestoßen hat.“ Es wird nicht vermerkt, wie viel die Person verdient hat und dass die Familie sich mehrmals einen Urlaub auf den Malediven gegönnt hat. Auch der schicke SUV, den der Rentner zuletzt sein Eigen nannte, wird nicht erwähnt. Nein, es wird eine hausgemachte Hymne variiert, in der die Rede ist von Liebe und Engagement, von Hingabe und Aufgabe. Nachrufe sind ethische Röntgengeräte, eine Existenz reduziert auf das Skelett der wahrhaftigen Bedeutung. Und so verhält es sich mit der Kunst, in der wir die Essenz dessen finden, was von uns übrig bleibt. Tief im Inneren wissen wir das, und jene, die es nicht wissen, nicht erfahren haben, sind arm dran, ihr Leben Ausdruck eines gesellschaftlichen Verbrechens an ihrer ästhetischen Sensibilität.

Kein Wunder also, dass die Streaming-Angebote im Internet derzeit so beliebt sind. Laut Peter Gelb, dem Generaldirektor der Metropolitan Opera in New York, die seit dem 16. März täglich eine andere Opernaufführung aus der jüngsten Vergangenheit streamt, ist dieses kostenlose Angebot ein enormer Erfolg. Schon nach zwölf Tagen seien erstaunliche 100 Millionen Minuten Opernzeit in die Heime von Ohrmenschen weltweit geströmt. Ich teile meine Aufmerksamkeit zwischen der fernen Met und der heimischen Wiener Staatsoper auf und bin beiden unendlich dankbar für die vielen beglückenden Stream-Stunden, zuletzt für den von Robert Carsen grandios inszenierten Falstaff sowie den von Alvis Hermanis belanglos hübsch ins Bild gesetzten Parsifal (irgendjemand sollte diesem überschätzten Regisseur erklären, dass Irrnis und Wirrnis bzw. Irrsinn und Wirrsinn sich sprachlich ähneln, aber inhaltlich unterscheiden).

Gewiss ist es dem Zeitgeist sowie meinem anstehenden Dahinwelken geschuldet, dass ich gelungene Alterswerke als tröstlich empfinde, so tröstlich wie die Zeilen, die der fünfundachtzigjährige Camille Saint-Saëns vor genau hundert Jahren seinem Kollegen Gabriel Fauré schrieb: „Sie können sich nicht vorstellen, wie intensiv ich Ihre Valse-Caprice in D-Dur geübt habe. Wenn ich neunzig bin, werde ich sie vielleicht beherrschen.“ Gelegentlich habe ich mir zudem angehört, wie die Berliner Philharmonie unter ihren unterschiedlichen Chefdirigenten klingt. Ich habe erlebt, wie die zarte Maria João Alexandre Barbosa Pires (portugiesische Namen sollte man stets ausschreiben, sie sind Poesie in und an sich) in einem ihrer allerletzten Konzerte sich von jeder einzelne Taste mit Nachdruck verabschiedet. Besonders auffällig war übrigens, wie sehr sich die monotone Männlichkeit der Orchester gewandelt hat, wie schnurrbärtig die Klangkörper aus den Nachkriegsjahrzehnten daherkommen und wie divers, nicht nur was das Geschlecht betrifft, sie inzwischen geworden sind – Halleluja und Alhamdulillah!

Denn wenn es sich weiterhin bestätigen sollte, dass erheblich mehr Männer als Frauen am Coronavirus sterben, dann werden die Auswirkungen auf das interessierte Publikum nicht allzu dramatisch ausfallen, denn wie jede lebende Künstlerin bezeugen kann, besteht es inzwischen überwiegend aus Frauen, bei manchen meiner Lesungen zum Beispiel zu drei Vierteln. Eine reizende Leserin teilte mir beim Signieren ihres bis ins letzte Kapitel zerlesenen Buches mit, sie habe ihren steif und stumm neben ihr stehenden Gatten nur durch einen innerfamiliären Tauschhandel in die Bibliothek locken können: Nächste Woche werde sie ihn ins Stadion begleiten.

Momentan wird viel gerätselt und spekuliert, welche Folgen sich aus dieser Pandemie ergeben könnten. Positives, vor allem aber Negatives. Wie immer ist das Dystopische leichter vorherzuahnen als das Utopische (dem modernen Menschen fehlt es gemeinhin an Phantasie, weswegen Hollywoodfilme selbst den siebten und neunten Aufguss eines alten narrativen Musters erfolgreich vermarkten können). Was die Zukunft bringen wird, können wir gegenwärtig nicht einmal ansatzweise prognostizieren, nur vergleichbare Geschichten aus der Geschichte zur Kenntnis nehmen.

Das Jahr 1816 ist in die europäische Geschichte eingegangen als „das Jahr ohne Sommer“. Ein Ausbruch – genau gesagt: drei gewaltige Explosionen – des Vulkans Tambora im fernen Indonesien hatte die Sonne verdunkelt, das heftigste derartige Ereignis seit tausend Jahren. Partikel in der Atmosphäre ummantelten dunkel die Erde, für mehr als ein Jahr. So konnte die Ernte nicht reifen, was in Europa zu schweren Hungersnöten und verzweifelten Aufständen führte. Just zu diesem Zeitpunkt machte eine Gruppe englischer Romantiker Urlaub am Ufer des Genfer Sees, in einer Villa namens Diodati: der Dichter Lord Byron und seine Geliebte; der Lyriker Percy Bysshe Shelley und die erst achtzehnjährige Mary Wollstonecraft Godwin, für die er Frau und Kinder verlassen hatte, sowie Byrons Leibarzt John Polidori, ein Doktor mit literarischen Ambitionen. Das düstere Wetter verhinderte Ausflüge. Eingesperrt in der Villa und der deutschen Schauermärchen in der Bibliothek überdrüssig, beschlossen die jungen, leicht entflammbaren und dem Opium zugeneigten Romantiker, in einen Wettstreit der Imagination zu treten, wer die gelungenste Horrorgeschichte verfassen könne. Interessanterweise versagte bei diesem Spiel just das Enfant terrible Shelley, der Opfer seiner angespannten Nerven wurde, während seine junge Liebe, offenbar aus härterem Holz geschnitzt als er, mit Frankenstein den „modernen Prometheus“ erfand. Der ewige Narzisst Byron hingegen skizzierte das Porträt eines blutsaugenden, umwerfend gut aussehenden und natürlich unsterblichen Aristokraten. Seine unvollendete Skizze wurde von seinem Arzt aufgegriffen.

John Polidori veröffentlichte in der Folge die Kurzgeschichte „The Vampyre“ und führte somit den Vampir in die Literaturgeschichte ein. In der Abgeschiedenheit (Stichwort „social distancing“) einer Schweizer Villa entstanden zwei der populärsten Narrative (und Topoi) der Belletristik, die seitdem eine ganze Industrie an Varianten und Variationen, an Remakes und Rip-Offs nach sich gezogen haben (der Berg Tambora ist im Volksmund sogar als „Frankensteins Vulkan“ bekannt). Wer weiß also, welche künstlerische Folgen die gegenwärtige Pandemie zeitigen wird und wie die Menschheit im Nachhinein auf sie blicken wird. Es ist eine besondere Fähigkeit der Kunst, visionär zu sein, ohne logarithmische Prognosen anzuwenden. „Der Künstler glaubt an die Zukunft“, hat der wilde russische Komponist Modest Mussorgski einmal geschrieben, „weil er in der Zukunft lebt.“ Mit einem Auge und einem Bein, müsste man hinzufügen, ein Lebewesen, das sich gelegentlich aus dem Gefängnis des Gegenwärtigen befreien kann. Weswegen große Kunst stets ein utopisches Moment enthält, was wohl auch ihre Wirkung in Zeiten von Krise oder gar Katastrophe zu erklären vermag. Wir benötigen einen utopischen Lichtstrahl in unserem Leben, der uns daran mahnt, dass dem Wunder der Existenz mehr abzugewinnen ist als das dumpfe Ausharren in den Niederungen der materiellen Selbstsucht.

Ganz und gar zufällig stieß ich, als ich in diesen Tagen seine bezaubernde Sinfonie in C-Dur entdeckte, auf ein Zitat des jung verstorbenen Georges Bizet: „Ich träumte letzte Nacht, dass wir alle in Neapel waren, in einer charmanten Villa untergebracht; wir lebten unter einer rein künstlerischen Regierung. Der Senat bestand aus Beethoven, Michelangelo, Shakespeare, Giorgione und dergleichen. Die Nationalgarde wurde durch ein riesiges Orchester ersetzt … das Aufwachen war eine grausam bittere Angelegenheit.“ Solch nächtliche Träume verwandeln sich manchmal in Tagträume und Tagträume werden manchmal Realität, oder das, was wir dafür halten.