Das Programm

SA, 13. April 2024
11 Uhr, Seetelhotel Villa Esplanade
Seebad Heringsdorf

Lesung mit Ronya Othmann, Usedomer Literaturpreisträgerin 2024 und feierliche Verleihung des 14. Usedomer Literaturpreises / Laudatio und Moderation: Andreas Kossert

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Ronya Othmann – Foto: Amrei-Marie

Leyla, die Tochter einer deutschen Mutter und eines jesidischen kurdischen Vaters verbringt ihre Sommer in dem jesidischen Heimatdorf ihrer Großeltern in Nordsyrien. Als das Assad-Regime und der Islamische Staat die Region ins Chaos stürzen, wird Leyla mit ihrer eigenen Familiengeschichte konfrontiert. „Die Sommer“ ist ein literarisches Juwel, das mit feinfühliger Sprache die enorme emotionale Kraft einfängt, die Menschen, die zwischen zwei Kulturen leben, aufbringen müssen. Es offenbart die dramatischen und komplexen Biographien von „Menschen mit Migrationshintergrund“, die oft verborgen bleiben. Dieser Roman zeichnet eindrucksvoll eine jesidisch-deutsche Familiengeschichte nach und stellt universelle Fragen zu Herkunft und Identität. Ronya Othmanns Roman ist ein Weckruf, der uns an die Zerbrechlichkeit vermeintlicher Gewissheiten erinnert und ein literarisches Meisterwerk für das 21. Jahrhundert liefert.

Ronya Othmann

wurde 1993 in München geboren und lebt in Leipzig. Sie erhielt u. a. den MDR-Literaturpreis, den Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik, den Lyrik-Preis des Open Mike, den Gertrud-Kolmar-Förderpreis und den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. 2018 war sie in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan, Irak, und schrieb bis August 2020 für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne Orient Express über Nahost-Politik. Seit 2021 schreibt sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Kolumne „Import Export“. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet u.a. mit dem Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Lukas 2015, den MDR-Literaturpreis 2015. 2017 gewann sie den Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essay und den Open Mike für Lyrik, 2018 erhielt sie mit Beliban zu Stolberg und Eser Aktay zusammen das Grenzgängerstipendium für die Türkei der Robert-Bosch-Stiftung. 2019 erhielt sie den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb für ihren Text „Vierundsiebzig“ über den Genozid an den Ezîden und den Gertrud Kolmar Förderpreis für ihr Gedicht „Ich habe gesehen“. Bei Hanser erschienen zuletzt ihr Debütroman „Die Sommer“ (2020), für den sie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde, und der Gedichtband die verbrechen (2021), für den sie den Orphil-Debütpreis und den Düsseldorfer Poesie Debüt Preis erhielt.

Die Jurybegründung

“Der Usedomer Literaturpreis 2024 geht an die Schriftstellerin Ronya Othmann. Die Jury zeichnet sie für ihren Debütroman Die Sommer aus. Die Protagonistin Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Jeden Sommer verbringt sie im jesidischen Heimatdorf ihrer Großeltern in Nordsyrien. Bis das Assad-Regime und der Islamische Staat die Region in den Abgrund führen. Damit wird Leyla auch mit ihrer eigenen Familiengeschichte konfrontiert. Die Sommer erzählt in einer wunderbar zurückhaltenden Sprache von einer emotionalen Meisterleistung, nämlich von der existentiellen Herausforderung, die Menschen zwischen zwei Kulturen stemmen müssen. „Menschen mit Migrationshintergrund“ tragen häufig dramatische und vor allem gebrochene Biographien in sich, die jedoch für die Außenwelt unsichtbar bleiben. Dieser Roman beschreibt auf eindrucksvolle Weise eine jesidisch-deutsche Familiengeschichte und stellt zudem universelle Fragen an Herkunft und Identitäten. Ronya Othmanns Roman erinnert uns an die Zerbrechlichkeit von vermeintlichen Gewissheiten und liefert damit ein literarisches Lehrstück für das 21. Jahrhundert.”

Die Jury

Olga Tokarczuk

wurde 1962 in Sulechow geboren und studierte Psychologie in Warschau. Sie gilt als eine der interessantesten polnischen Autorinnen. Ihre Bücher sind bei Kritik wie Lesern gleichermaßen erfolgreich. Ihr Romandebüt Prodroz ludzi ksiegi (Die Reise der Buchmenschen) erschien 1993 und wurde von der Gesellschaft der polnischen Buchverlage als bestes Prosadebüt der Jahre 1992 und 1993 ausgezeichnet. 1995 erschien der Roman E.E. Für ihren dritten Roman Ur und andere Zeiten (Prawiek i inne czasy) erhielt Olga Tokarczuk den Nike Preis. 2019 wurde Olga Tokarczuk mit dem Literaturnobelpreis für das Jahr 2018 ausgezeichnet.

Andreas Kossert

Andreas Kossert, geboren 1970, ist promovierter Historiker und ausgewiesener Kenner des östlichen Mitteleuropa. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, darunter Masuren, Ostpreußen sowie der Bestseller “Kalte Heimat”. Für seine Arbeit wurde ihm der Georg Dehio-Buchpreis verliehen. Er lebt als Historiker und Autor in Berlin. Seit ihrer Gründung 2009 begleitet Andreas Kossert die Usedomer Literaturtage, seit 2012 auch als Jurymitglied für den Usedomer Literaturpreis. 2020 erhielt er für sein jüngstes Buch “Flucht. Eine Menschheitsgeschichte” den NDR Sachbuchpreis. 2021 wurde er für das gleiche Werk für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert.

Manfred Osten

geboren 1938 in Ludwigslust, studierte Rechtswissenschaften, Philosophie, Musikwissenschaft und Literatur in Hamburg und München. Nach der Promotion trat er in den Auswärtigen Dienst mit Stationen in Kamerun, Tschad, Ungarn, Australien und Japan ein. 1993 wurde er Leiter des Osteuropa-Referats der Bundesregierung. Von 1995 bis 2004 war er als Generalsekretär der Alexander-von-Humboldt-Stiftung in Bonn tätig. Manfred Osten ist Autor zahlreicher Publikationen, führte zweiundvierzig Fernsehgespräche mit Alexander Kluge und ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz sowie der Europäischen Akademie. Außerdem ist er als Jury-Mitglied des Usedomer Literaturpreises und langjähriger Moderator der Usedomer Literaturtage tätig.